Drücke "Enter", um den Text zu überspringen.

Alles andere als ein Selbstzweck – der Scheungraber-Prozess

ak-logoDer folgende Artikel ist  in der Ausgabe Nr. 532 vom 17. Oktober 2008 der Monatszeitung analyse & kritik erschienen.

 

Alles andere als ein Selbstzweck

Der Prozess gegen mutmaßlichen Nazikriegsverbrecher Josef Scheungraber

von Friedrich C. Burschel

Obwohl der Tathergang plausibel erscheint, mit dem historischen Geschehen übereinstimmt und zuletzt 2006 in einem Lebenslang-Urteil in Abwesenheit durch ein italienisches Militärgericht seinen Niederschlag fand: Der Beschuldigte Josef Scheungraber aus Ottobrunn bei München streitet jede Tatbeteiligung ab und leugnet überhaupt in der Nähe des Tatorts gewesen zu sein. Vor dem Landgericht München I hat am 15. September nun die deutsche Version des Mordprozesses gegen den ehemaligen Leutnant der Gebirgsjäger begonnen. Dem heute 90-Jährigen wird das Massaker von Falzano di Cortona zur Last gelegt, bei dem am 27. Juni 1944 laut Anklage auf seinen Befehl hin 14 italienische ZivilistInnen in einer Vergeltungsaktion getötet wurden. Der Prozess dauert an.

Was denn aus dem alten Mann namens Brusco wurde, der mit ihm abgeführt worden sei, will Richter Manfred Götzl wissen. „Er ist auch mit uns gestorben“, entgegnet Gino M. Und Gino M. muss tatsächlich gedacht haben, er sei gestorben an jenem 27. Juni 1944 als das Steinhaus, die sogenannte Casa Cannicci, über ihm und zehn anderen Männern zusammenbrach. Doch ein quer gestürzter Balken und der Körper eines durch die Druckwelle über ihn geschleuderten Leidensgenossen haben ihm das Leben gerettet. Die zehn anderen Männer sterben alle in den Trümmern des Gebäudes, in das deutsche Soldaten vorher die „Sühneopfer“ zwängten, ehe sie es sprengten.

Gino M., ein 15-jähriger Bauernbub, dem seine Neugierde – er hatte Schüsse gehört – zum Verhängnis geworden war, überlebt. Nach Einbruch der Dunkelheit hört eine vorbeikommende Bäuerin die Rufe des Schwerverletzten aus der Ruine, sie legt seinen Kopf frei und holt ihren Bruder, der den gequetschten Leib des Jungen schließlich birgt und in die Berge trägt. Die Verbrennungen im Gesicht und an den Augen heilen ebenso, wie wieder Gefühl in die gelähmten Beine zurückkehrt. Gino muss zwar einige Jahre ein Stützkorsett tragen, doch er gesundet vollständig.

Nur das Trauma bleibt, die Erinnerung an jenen strahlenden Sommertag, an dem deutsche Soldaten in Falzano di Cortona taten, was sie den Quellen zufolge, die in Italien im sogenannten Schrank der Schande bis 1994 unberührt lagerten, fast 700 Mal allein in Italien getan haben sollen: Auf ihrem Rückzug vor den Alliierten zogen Wehrmacht und andere deutsche Mordverbände eine Blutspur hinter sich her; bei „Vergeltungsmaßnahmen“ wie der in Falzano sollen bis zu 10.000 italienische ZivilistInnen von deutschen Soldaten massakriert worden sein.

Seiten: 1 2 3 4

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen