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Gedenken heißt Handeln.

Am 27. April 1984 erlag die 20-Jährige Corinna Tartarotti ihren schweren Brandverletzungen, die sie einige Monate zuvor, beim Attentat der neonazistischen „Gruppe Ludwig“ am 7. Januar in der Münchner Schillerstraße, erlitten hatte. 

Von Lina Dahm und Robert Andreasch

Die Kundgebung am 7. Januar 2022 

In diesem Jahr, 2022, jährt sich der Anschlag zum mittlerweile 38. Mal. Seit 2019 organisiert die Antisexistische Aktion München (asam) jedes Jahr eine Gedenkkundgebung vor dem ehemaligen Club „Liverpool“ im Bahnhofsviertel, so auch am kommenden Freitag (7. Januar 2022, 18.30 Uhr, Schillerstraße 11 a).

Plakat zur Kundgebung am 7.1.2022

„In München erinnert außer antifaschistischen Initiativen bei Demonstrationen und Stadtspaziergängen im Bahnhofsviertel bisher nichts und niemand an den rechtsterroristischen Anschlag der ‚Gruppe Ludwig‘. Das wollen wir mit unserer Kundgebung ändern und so verhindern, dass die Opfer gänzlich in Vergessenheit geraten“, sagt Nina Stern, die Pressesprecherin der Antisexistischen Aktion München. 

Rechter Terror und Erinnern in München 

In München haben rechte und antisemitische Täter_innen in den vergangenen Jahrzehnten eine besonders furchtbare Blutspur gezogen. An die Taten und die Betroffenen wurde vor Ort bisher in sehr unterschiedlichem Ausmaß erinnert, sei es an den mörderischen Brandanschlag auf das Wohnheim der israelitischen Kultusgemeinde 1970, an die Geiselnahme an der israelischen Olympiamannschaft 1972, an den Sprengsatz gegen den Radiosender AFN durch einen Aktivisten der „Wehrsportgruppe Hoffmann“ 1976, an die Bombenexplosion auf dem Oktoberfest 1980, an die zwei Morde des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) 2001 und 2005 oder an das rassistisch motivierte Attentat am Olympia-Einkaufszentrum 2016. 

Das Attentat und die mörderische Ideologie dahinter

Am Abend des 7. Januar 1984 warfen Wolfgang Abel und Marco Furlan aus der neonazistischen „Gruppe Ludwig“ je einen Benzinkanister in den Eingangsbereich des Clubs „Liverpool“. Die Kanister explodierten, kurz darauf stand das Kellerlokal in Flammen. Unter den 30 Gästen und Angestellten brach Panik aus, einige konnte sich noch durch eine Tür im hinteren Teil des „Liverpools“ retten. Am Ende waren acht Menschen verletzt, eine davon Corinna Tartarotti, die in der Bar gearbeitet hatte. Sie versuchte sich ins Freie zu retten und zog sich so schwere Brandverletzungen zu, dass sie ihnen drei Monate nach dem Anschlag, am 27. April 1984, erlag. 

Eike Sanders und Thomas Porena forschen zur neonazistischen „Gruppe Ludwig“ und deren Mordanschlägen. In einem im Jahr 2021 bei „NSU-Watch“ veröffentlichten Übersichtsartikel schreiben sie zu den Hintergründen: 

„In der rechten bis nationalsozialistischen Ideologie galten und gelten Männer als Elite der Gesellschaft, männerbündische Strukturen und exklusive Männerfreundschaften, wie auch Abel und Furlan sie lebten, als Ideal einer Gemeinschaft, die zu etwas Höherem berufen sei. Diese höheren Ziele seien durch profane, lebensweltliche Dinge und die Moderne bedroht: Sexualität, freizügige Körperlichkeit und Dekadenz würden den Geist korrumpieren. Moralischer Verfall und Unreinheit hätten die Welt ergriffen und müssten nicht nur abstrakt bekämpft, sondern vernichtet werden. Dabei sind die Bedrohungen nicht nur ideell, sondern in anderen Menschen verkörpert: Die ‚Untermenschen‘ und sogenannten Asoziale werden nicht nur aus der ‚Volksgemeinschaft‘ hinausdefiniert, sondern auch als Gefahr für die angebliche natürliche Ordnung und das Streben der Mehrheit angesehen. Durch ihre Ermordung lasse sich die Gesellschaft reinigen und man sende gleichzeitig ein disziplinierendes Signal an die (Noch-)Nicht-Ausgeschlossenen, man erteilt ihnen eine Lehre. (…) Ein kritischer Blick zurück zeigt, dass nicht nur die Ermittlungs- und Justizbehörden ein Interesse daran hatten, die Ideologie als sonderbar, die Täter als ‚verrückt‘ und den Fall als abgeschlossen zu erklären. Wir sehen Kontinuitäten in der gesellschaftlichen Verankerung menschenverachtenden Denkens, dem sowohl die Opferauswahl als auch das Handeln der Behörden zugrunde liegen. Geschlechterrollenbilder, Psychopathologisierung und Entpolitisierung bedingen einander viel zu oft. So stecken auch vierzig Jahre später die Aufarbeitung und das kritische Gedenken an die Opfer noch in den Anfängen.“

Dass bis heute so wenig über die Opfer der „Gruppe Ludwig“ bekannt ist, liegt mit Sicherheit auch daran, dass es sich bei bei den von ihnen Ermordeten um Menschen handelte, die in der Gesellschaft bis heute keine Lobby haben. Es waren Sexarbeiter_innen, Drogennutzer_innen, Sinti und Roma oder wohnungslose Menschen, die bis heute ausgrenzt und diskriminiert werden.

Aktuelle Entwicklungen

An einem sonnigen Februartag 2021 machten wir uns auf Spurensuche und wollten den Ort des eigentlich längst aufgelösten Grabes auf dem Friedhof Sendling dokumentieren. Wider Erwarten entdeckten wir unter dem tiefen Schnee jedoch die noch vorhandene Grabplatte – ein sehr berührender Moment. Im Dezember 2021 konnte die „Antifaschistische Informations-, Dokumentations- und Archivstelle München e.V.“ (a.i.d.a.) die Grabstelle übernehmen. Marcus Buschmüller von a.i.d.a. erläutert: „Wir haben mit unserem Verein den Erhalt des Grabes bis mindestens zum Jahr 2032 gesichert und damit natürlich auch die Möglichkeit eines dortigen Gedenkens an die Ermordete.“ Anfang Januar 2022 spendeten Unterstützer_innen im Rahmen einer Kampagne innerhalb weniger Tage die für den Erhalt des Grabes anfallenden Gebühren von 750 Euro.

In diesem Zusammenhang gelang es uns erstmals auch, Kontakt zu der Familie von Corinna Tartarotti aufzunehmen. Ein Cousin von Corinnas Mutter Karin (die 2006 verstorben ist) zeigte sich sehr erfreut. Corinnas Mutter habe sich in all den Jahren nicht über den Anschlag unterhalten mögen und sei dem Thema möglichst ausgewichen. Sie hätte aber, so schilderte er uns, das Gedenken sowie die Übernahme des Grabes gewollt. 

Das feministische und antifaschistische Handeln der letzten Jahre blieb nicht ohne Wirkung: Eine Schulkameradin erinnerte sich an Corinna, die mit ihr ins St. Anna Gymnasium ging, und konnte uns ein Foto zur Verfügung stellen. Seit Ende 2021 haben wir so erstmals ein Gesicht zum Namen. Ganz aktuell starten die Fraktionen DIE LINKE/Die PARTEI zusammen mit Die Grünen – Rosa Liste und SPD/VOLT im Münchner Stadtrat eine Initiative zur Anbringung einer Gedenktafel. Eine Gedenktafel am Tatort sei ein wichtiger Beitrag, um gegen das Vergessen anzukämpfen. Rechtem Terror müsse auf aber auf gesellschaftlicher Ebene der Nährboden entzogen werden, sagt Nina Stern von asam: „Bis wir das geschafft haben, bedeutet der Satz ‚Gedenken heißt handeln‘ für uns, dass wir die Lobby für jene sein müssen, die zum Ziel rechter Täter_innen wurden und werden.“ 

Im Zuge einer Veranstaltungsreihe der Fachinformationsstelle Rechtsextremismus München (firm) und der Antisexistischen Aktion München (asam) haben Eike Sanders und Thomas Porena am 9. Dezember 2021 referiert, „warum die Taten der rechtsterroristischen ‚Gruppe Ludwig‘ aus dem Bild gefallen und ihre Opfer in Vergessenheit geraten sind“. Wenn wir rechten Terror und Gewalt verhindern wollen, sei, so Sanders, ein selbstkritischer Blick auf hegemoniale Männlichkeitsfantasien und Elitedenken Grundvoraussetzung. Sanders fügte hinzu: „Die Aufarbeitung der Geschichte der ‚Gruppe Ludwig‘ ist ein Anlass, der vergessenen Toten zu gedenken und es ist auch ein Aufruf hinter die Taten und ihre politische Einbettung zu schauen und sich zu fragen, warum oder ob sie wirklich aus dem Bild fielen.“ 
    

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