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17. August 2006

MÜNCHEN. Neonazis aus Oberbayern, Niederbayern, Franken und der Oberpfalz feierten bei einer von Norman Bordin angemeldeten Kundgebung auf dem Münchner Marienplatz den Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß und verherrlichten den Nationalsozialismus. Unter den rund 80 Neonazis, die ab 19 Uhr auf dem Marienplatz eintrudelten, waren zahlreiche bekannte extrem rechte AktivistInnen wie etwa Philip Abbt, Christian Adams, Felix Benneckenstein, Norman Bordin, Wolfgang Dambach, Michael Deuringer, Robert Dietrich, Matthias Fischer, Norman Kempken, Martina Maal, Matthias Polt, Thomas Stopfer, Pia Veitl, Willi Wiener, Thomas Wittke und Roland Wuttke. Einige Teilnehmer bekannten sich mit T-Shirts und Flaggen zu den Organisationen „Fränkischer Heimatschutz“ und „Aktionsbündnis Franken/Pfalz“.

NS-Verherrlichung auf T-Shirts, Transparenten & Plakaten 

Die Transparente sprachen eine deutliche Sprache: So wurden Banner mit folgenden Aufschriften getragen: „Rudolf Hess von Besatzern ermordet / NPD Franken„, „Tot sind nur die die vergessen werden“ „Rudolf Hess [ „Märtyrer für Europa“ wurde abgeklebt] / Die Kriegswahrheit liegt unter Verschluß! / Gebt die Akten endlich frei! / Kameradschaft München www.widerstandsued.de“ sowie „Unser Sozialismus ist national / JN München„. Auf einem Pappschild stand: „Rudolf Hess / Sein Opfer unser Auftrag„.
Auch auf T-Shirts wurde Rudolf Heß verherrlicht, beispielsweise von Matthias Polt (Rudolf-Heß-Konterfei als Backprint) oder Norman Bordin („Rudolf Hess [abgeklebt zu Beginn der Kundgebung: Märtyrer] für Deutschland“ + Rudolf Heß-Konterfei).

Heß-Rede mit Hitler-Verehrung

Das Kundgebungsprogramm wirkte unvorbereitet und wurde teilweise wiederholt. Über Lautsprecher wurde mehrfach das Schlusswort von Rudolf Heß im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess 1946 abgespielt: „[..] Ich verteidige mich nicht gegen Ankläger, denen ich das Recht abspreche, gegen mich und meine Volksgenossen Anklage zu erheben. Ich setze mich nicht mit den Vorwürfen auseinander, die sich mit Dingen befassen, die innerdeutsche Angelegenheiten sind und daher Ausländer nichts angehen. Ich erhebe keinen Einspruch gegen Äußerungen, die darauf abzielen, mich oder das ganze deutsche Volk in der Ehre zu treffen. Ich betrachte solche Anwürfe von Gegnern als Ehrenerweisungen. Es war mir vergönnt, viele Jahre meines Lebens unter dem größten Sohne zu wirken, den mein Volk in seiner tausendjährigen Geschichte hervorgebracht hat. Selbst wenn ich es könnte, wollte ich diese Zeit nicht auslöschen aus meinem Dasein. Ich bin glücklich zu wissen, daß ich meine Pflicht getan habe meinem Volke gegenüber, meine Pflicht als Deutscher, als Nationalsozialist, als treuer Gefolgsmann des Führers. Ich bereue nichts. Stünde ich wieder am Anfang, würde ich wieder handeln wie ich handelte, auch wenn ich wüßte, daß am Ende ein Scheiterhaufen für meinen Flammentod brennt. Gleichgültig, was Menschen tun, dereinst stehe ich vor dem Richterstuhl des Ewigen, ihm werde ich mich verantworten und ich weiß, er spricht mich frei.

Heß-Glorifizierung in Redebeiträgen & Liedern 

In Roland Wuttkes Redebeiträgen ging es um die Glorifizierung von Rudolf Heß („Friedensflug von 1941„) den vermeintlichen Selbstmord von Heß, der vielmehr ein Mord des britischen Geheimdienstes gewesen sei („Geheimdienst mit seinen Mordbanditen„, „auch Möllemann war kein Selbstmord“) und über sich selbst („Eines ist klar, das war Mord und wir werden immer an Rudolf Heß erinnern. Wir sind der Engländer schlechtes Gewissen.„).

Auch die meisten Songs wurden gleich mehrfach gespielt. Neben einem Song über Rudolf Heß und einem über den „Kampf gegen diesen Staat“ waren das z. B. „Europa Jugend Revolution“ der Esslinger Band „Carpe diem„, worin antisemitische Stereotypen besungen werden: „Der Traum von Frieden und Einigkeit unter eine Fahne gebracht, doch darauf die falschen Zeichen und dahinter die falsche Macht. Eine Macht, der das Geld gehört; seit viel zu langer Zeit. Eine Macht, die Konflikte schürt; gemeinsam machen wir uns frei!„.

„Wer die Wahrheit spricht, verliert“ der Stuttgarter Band „Noie Werte“ mag mit Bedacht für die Kundgebung ausgewählt worden sein, ist der Liedtext doch eine unverhohlene Drohung gegen Journalistinnen und Journalisten: „Ich kenne deinen Namen, ich kenne dein Gesicht, Du bist die Faust nicht wert, die deine Nase bricht.“ Außerdem lief der „Deutsche Schwur“: Der nationalsozialistische Text des „Deutschen Schwurs“ wird in diesem Song nur leicht verändert gesungen. So heißt es z. B. „Heil dir, mein Vaterland“ statt „Heil Hitler und Heil Hindenburg„. Andere Textzeilen, wie „Durch Kampf und Sieg! Wir halten durch. Kein Teufel soll’s uns wehren“ und „Heil Deutschland, hoch in Ehren“ entstammen dem Original.

„Zeit, zu rebellieren“, ein spießig-rassistisches Lied von Annett Moeck (jetzt Müller, Amberg) beschallte ebenfalls die Kundgebung: „Doch wenn ein Deutscher im Staat weniger zählt wie ein Flüchtling oder ein anderer hier. (…) Und geht es eurem Volk zu Hause schlecht, dann setzen sich hier reiche Menschen zusammen, und tüfteln, wie sie einen Hilfskonvoi bekommen. (…) Vermischung pur ist das Ende vom Lied – und es eine Minderheit an Deutschen in Deutschland gibt.

Im textlich eher schlichten „Wenn der Wind sich dreht in diesem Land“ von „Faktor Widerstand“ wurde dann „US-Europa„, „Eurowahn„, „Schutzgelderpressung„, „Kampfeinsätze der Bundeswehr„, „Abtreibungsmord“ und „Schlendrian“ beklagt.
Ab etwa 20.10 Uhr zündeten die Neonazis außerdem Fackeln an und spielten das Deutschlandlied zum Mitgrölen in allen drei Strophen („Deutschland, Deutschland, über alles“ etc.).

Anti-Antifa 

Die anwesenden Neonazis konnten die einzige, bundesweit nicht verbotene Rudolf-Heß-Gedenkveranstaltung in Deutschland nicht nur zur Verherrlichung des Nationalsozialismus und zur gruppenübergreifenden Identifizierung mit dem antisemitischen NS-Funktionär Heß nutzen, sondern auch zur Datensammlung für die terroristische Anti-Antifa-Arbeit. Norman Kempken aus Nürnberg, der bereits in den 90er Jahren als Herausgeber der Anti-Antifa-Broschüre „Der Einblick“ verurteilt wurde, konnte von der Polizei ungehindert immer wieder antifaschistische GegendemonstrantInnen, PassantInnen und JournalistInnen filmen – offensichtlich gezielt und teilweise dirigiert von Norman Bordin. Die Neonazis beendeten ihre Kundgebung erst nach Freilassung zweier „Kameraden“ durch die Polizei gegen 21.35 Uhr.

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