14. Januar 2012

Mühldorf am Inn. 60 Neonazis nehmen an einem kurzfristig bekanntgewordenen Aufmarsch des bayernweiten Kameradschaftsdachverbands "Freies Netz Süd" (FNS) teil. Neonazistinnen in Mühldorf.  Foto: f-picsDie Aufmarschierenden sind aus ganz Bayern (mit Ausnahme der Oberpfalz) und aus dem österreichischen Braunau angereist, unter anderem die "Anführer" des FNS, Norman Kempken (Nürnberg) und Matthias Fischer (Fürth) sowie die bekannten Aktivist_innen des FNS, Heiko Schiederer ("Freie Kräfte Straubing"), Martin Aas und Michael Kastner ("Freie Kräfte Plattling"). Stefan Willy Reiche, Felix S. (beide "Jagdstaffel D.S.T."), Karl-Heinz Statzberger ("Kameradschaft München"), Martin Wiese ("Kameradschaft Geisenhausen") und Vanessa Becker ("Bürgerinitiative Ausländerstopp München") kommen mit einem Dutzend weiterer Teilnehmenden gemeinsam mit dem Regionalzug aus München. Als Rechtsterrorist Karl-Heinz Statzberger eine Rede hält, steht Martin Wiese nur wenige Schritte von seinem ehemaligen Mittäter entfernt, zu dem er keinen Kontakt aufnehmen darf.

Rainer Biller, eben wegen menschenverachtender Veröffentlichungen selbst aus der bayerischen NPD geflogen, läuft zeitweise in der zweiten Reihe mit. Uwe Brunke (Traunstein/Bergen), einer der führenden NPD-Aktivisten der Region, stört sich offensichtlich nicht dran.

Fronttransparent beim Aufmarsch in Mühldorf. Mit Rainer Biller (2. v. l.) und Matthias Fischer (Mitte hinten).  Foto: f-picsNeonazis aus dem FNS tragen das Transparent "Kriminelle Ausländer raus!", das von der NPD-Liste "Bürgerinitiative Ausländerstopp" (BIA) aus München stammt. Die anderen gezeigten Banner sind Transparente des FNS und seiner Mitgliedsgruppen: "Das System ist am Ende - Tragt dieses korrupte System endlich zu Grabe - Freies Netz Süd", "Wir kämpfen für Euch - KS München - Freies Netz Süd" und das Fronttransparent "Asylbewerber in Mühldorf? Wir sagen Nein - Freies Netz Süd". Die Aktivist_innen um ein Lautsprecherfahrzeug aus dem Landkreis Altötting zeigen zudem zwei schwarz-weiß-rote "Reichsfahnen" und eine ganze Reihe schwarzer Flaggen mit aufgeschriebenem Ortsbezug: Altötting, Straubing, Schwabmünchen, Nürnberg, Fürth, München, Niederbayern und Geisenhausen.

Roy Asmuß als Redner.  Foto: Jan NowakDie FNS-Aktivisten Sebastian Schmaus (Nürnberg), Kai-Andreas Zimmermann (Fürth) und Lorenz M. (Miesbach) sind als Trio für die "Anti-Antifa-Arbeit", das Bedrängen, Filmen und Fotografieren politischer Gegner_innen und Journalist_innen zuständig. Als Anmelder treten der Ottobrunner Neonazi Norman Bordin und der nach Angaben der Lokalmedien aus Teising (Lkr. Altötting) stammende NPD-Funktionär Roy Asmuß gemeinsam auf. Asmuß, langjähriger Vorsitzender des NPD-Kreisverbands von Altötting und auf fast jeder FNS-Demo anwesend, wird als lokaler Vertreter der "Freien Strukturen" vorgestellt, er ist auch verantwortlich im Sinne des Presserechts für die verteilten Flugblätter.

Zustimmung und Ablehnung gegenüber dem Aufmarsch in Mühldorf.  Foto: f-picsDie Demo-Anmeldung unter dem Motto "Kriminelle Ausländer raus!" wird im Vorfeld von den Neonazis geheimgehalten und vom Landratsamt zunächst auch verschwiegen. Nachdem die antifaschistische Informations-, Dokumentations- und Archivstelle München (a.i.d.a. e. V.) das neonazistische Aufmarschvorhaben im Laufe der Woche öffentlich macht, organisieren antifaschistische Initiativen, Jugendgruppen und SPD-Gliederungen rasch Proteste, an denen sich trotz der knappen Mobilisierungszeit fast 500 Menschen beteiligen.

Erfolgreiche Sitzblockade von Jugendlichen in Mühldorf.  Foto: Jan NowakSo gerät der vor allem gegen das jüngst eröffnete Mühldorfer Asylbewerber_innenheim gerichtete Aufmarsch für die Neonazis zu einem Fiasko: Sie ziehen zwar zunächst um 13.00 Uhr vom Bahnhof noch die kurze Strecke über den Stadtberg zum "Münchner Tor". Eine Sitzblockade stoppt den Neonazizug noch vor dem Stadttor. Der Weg zum Stadtplatz, wo die Neonazis eine Zwischenkundgebung planen, ist somit versperrt. Eine spontan zusätzlich gebildete antifaschistische Blockade verhindert ein Ausweichen der Neonazis.

Neonazis um Roy Asmuß und den oberbayerischen FNS-Führungskader Martin Wiese wollen ausbrechen. Polizeibeamt_innen unterbinden den Versuch und brechen aus Sicherheitsgründen den Naziaufmarsch ab. Es folgt ein kurzer Rückmarsch (bei dem nicht wie geplant eine Route am Asylbewerber_innenheim vorbei genommen wird) und eine Kundgebung von 16.00 bis 16.30 Uhr am Bahnhof, wo Matthias Fischer und Asmuß zu den Versammelten sprechen.

Am 18. Januar 2012 veröffentlicht das FNS einen Veranstaltungsbericht auf der eigenen Webseite. Er endet mit dem Satz "Samstag war nicht alle Tage, WIR KOMMEN WIEDER - KEINE FRAGE!!!" (Schreibweise im Original).

Damit greifen die Neonazis des FNS die bekannte Schlussparole aus den "Pink Panther"-Folgen auf. Ein zynischer Verweis auf die Mordserie der neonazistischen Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) und deren Bekenner-DVD.