Skandal an Bundeswehr-Uni in Neubiberg

Das oberbayerische Neubiberg ist Sitz der Universität der Bundeswehr.  Foto: Robert AndreaschAn der Bundeswehr-Universität in Neubiberg bei München haben bekannte Aktivisten der rechten Szene die Redaktion der Studierendenzeitschrift "Campus" übernommen. Jetzt ist die erste Ausgabe des Magazins erschienen, inklusive einer ganzseitigen Anzeige des ultrarechten "Instituts für Staatspolitik".

Rechtsum bei "Campus"

Ende Juni 2011 erschien eine Ausgabe von "Campus", der Zeitschrift des studentischen Konvents der Bundeswehr-Universität in Neubiberg bei München. Im Vorwort kündigt der neue Campus-Chefredakteur Martin Böcker an, er werde den Schutz der Pressefreiheit "schamlos ausnutzen".

Die neue Ausgabe von 'Campus', der Zeitschrift des studentischen Konvents.  Foto: a.i.d.a.Martin Böcker, als studierender Offizier mittlerweile im Rang eines Oberleutnants, ist ein bekannter Aktivist der rechten Szene. Er schreibt regelmäßig für neurechte Zeitungen wie die "Junge Freiheit" und ist für das "Institut für Staatspolitik" (IfS) im sachsen-anhaltinischen Schnellroda tätig. Was sich so staatstragend anhört, ist in Wahrheit eine Gruppe extrem rechter Aktivist_innen, die Artikel, Bücher und Broschüren publizieren sowie ein rechtes Schulungszentrum betreiben. Böcker verantwortete schon im Dezember 2009 eine ganze Ausgabe der IfS-Hauszeitschrift "Sezession". Im Mai 2011 führte er bei einer geheimen Gedenkveranstaltung auf dem Münchner Nordfriedhof den Trauerzug der aus dem ganzen Bundesgebiet angereisten extrem rechten Aktivist_innen an (a.i.d.a. hatte darüber berichtet).

Doch Martin Böcker ist nicht allein bei "Campus" eingestiegen: Mindestens ein weiterer "Campus"-Redakteur ist als Autor für "Sezession" tätig, ein dritter schreibt für die extrem rechte Wochenzeitung "Junge Freiheit" und das IfS-nahe Online-Portal "Blaue Narzisse". Da verwundert es kaum, dass das sogenannte "Institut" in der aktuellen Ausgabe der offiziellen Studierenden-Zeitschrift sogar eine ganzseitige Anzeige geschaltet hat und Soldat_innen kostenlose Broschüren offeriert. Das IfS, das sich zuletzt unter anderem mit rassistischen Publikationen zur "Sarrazin-Debatte" hervorgetan hat, versucht derzeit mit einer regelrechten Kampagne, die (männlichen) Soldaten der Bundeswehr anzusprechen – mit einem anderen Lieblingsthema der extremen Rechten: Dem Kampf gegen Emanzipation und Geschlechtergleichberechtigung.

Testosteron für Kampf und Krieg

Erik Lehnert (Berlin), der Geschäftsführer des "Instituts für Staatspolitik", lancierte dazu in der Juli-Ausgabe der militärischen Fachzeitschrift „Marine-Forum“ einen Artikel, der für einen bundesweiten Skandal sorgte. Frauen dürften nicht mehr in den Kampftruppen der Bundeswehr dienen, hieß es in Lehnerts Pamphlet für das Magazin der Marine-Offiziers-Vereinigung, sonst drohten in der Zukunft "militärische Katastrophen". Lehnerts Artikel in der Fachzeitschrift 'Marine-Forum'.  Foto: a.i.d.a.Frauen hätten wenig Testosteron, schrieb Lehnert, und "mit Blick auf die Tatsache, dass Kampf und Krieg ein gewisses Maß an Aggression erfordert, sind die meisten Frauen in dieser Hinsicht denkbar ungünstig ausgestattet." Eine völlig unwissenschaftliche biologistische Vorstellung von Geschlecht trifft - geradezu idealtypisch für extrem rechte Ideologie - auf die Propagierung traditioneller Geschlechterrollen. Auch im Neubiberger "Campus"-Heft wird derartige antifeministische Ideologie verbreitet: Die Integration der Frauen in die Streitkräfte sei insgesamt "misslungen", dass Frauen inzwischen in Kampftruppen dienen dürfen, führe zu einer "Absenkung des allgemeinen Leistungsniveaus".

Vor Recherchen des Bayerischen Rundfunks (BR) und a.i.d.a. war an der Universität der Bundeswehr keinerlei Kritik am vielgelesenen "Campus"-Heft laut geworden, weder an solchen Artikeln noch an der rechten Übernahme der "Campus"-Redaktion. Die Präsidentin der Bundeswehr-Universität, Prof. Dr. Merith Niehuss, zeigte sich nun jedoch sehr empört von den Vorgängen. In einer Mail an alle Studierenden distanzierte sich die Historikerin von der Rechtswende der Studierenden-Zeitung: "Ich möchte darauf hinweisen, dass nach meiner Auffassung hier eine politische Nähe zum Rechtsextremismus nicht auszuschließen ist und dass diese Affinität zur 'Neuen Rechten', die mit der Schaltung der Anzeige in unsere Universität einzieht, eine politische Richtung auf den Campus bringt, die weder an der Universität noch auch im Bereich des Bundesministeriums der Verteidigung hingenommen werden kann." In einem für den BR geführten Interview sagte Prof. Dr. Niehuss am Mittwoch: "Es ist natürlich immer ein Organ innerhalb der Bundeswehr und insofern habe ich mich auch in einer Rundmail gegen diese Anzeige gewandt und wir werden so eine Anzeige nicht mehr zulassen, weil die Bundeswehr es auch nicht will."

Ein Einzelfall? Wohl kaum: Im Mai zitierte die Zeitung "die Welt" aus einer geheimen Analyse des "Militärischen Abschirmdienstes" (MAD), dass es in der Bundeswehr jährlich 660 "rechtsextreme Verdachtsfälle" gäbe – also fast zwei Fälle pro Tag. Angesichts der rechten Umtriebe auf dem Neubiberger Campus scheint der MAD bisher geschlafen zu haben. Sowohl das MAD-Amt in Köln als auch die MAD-Außenstelle München gingen den Medien gegenüber in den letzten Tagen auf Tauchstation. Auch das Bundesministerium der Verteidigung verweigerte bisher eine Stellungnahme.